Hedwig Courths-Mahler - Folge 052 - Sein Kind

von: Hedwig Courths-Mahler

Bastei Lübbe AG, 2014

ISBN: 9783732502943 , 80 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: frei

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Preis: 1,49 EUR

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Hedwig Courths-Mahler - Folge 052 - Sein Kind


 

Die Hochzeitstafel war vorüber.

Das junge Paar stahl sich im Trubel des Aufbruchs von der Tafel heimlich weg, um sich für die bevorstehende Hochzeitsreise umzukleiden.

Es blieb beinahe unbemerkt.

Die Braut drückte nur im Vorübergehen ihrem Vater die Hand und sagte: „Leb wohl, Papa, auf Wiedersehen!“

„Auf Wiedersehen, mein Kind! Glückliche Reise!“, erwiderte er und gab den Druck der kleinen Hand zurück.

Die Hochzeitsgesellschaft war sehr zahlreich und glänzend und befand sich in animiertester Stimmung. Gleich nach der Tafel begann die Kapelle zum Tanz aufzuspielen. Zwischen die Klänge der Musik mischte sich fröhliches Lachen. Niemand achtete auf das Brautpaar, das nun unbemerkt entschlüpfte.

Aber das geschah nicht in zärtlich süßem, von sehnsüchtigem Verlangen nach Alleinsein erfülltem Einverständnis. Der Bräutigam hatte verstohlen nach der Uhr gesehen, und seine blassen, gespannten Züge schienen vor unterdrückter Nervosität zu beben. Mit müdem, apathischem Ausdruck flog sein Blick über die Gesellschaft hinweg. Leise, aber ziemlich kühl und förmlich hatte er seiner jungen Gattin zugeflüstert: „Es ist Zeit, Traude, wir müssen uns zur Abreise fertig machen.“

Die Braut hatte kaum mit den Wimpern gezuckt. Ihre Augen blickten ruhig und gelassen in die ihres Gatten.

„So lass uns aufbrechen“, erwiderte sie ohne jede Erregung.

Aber als er dann in der Menge verschwand, um seinen Eltern Lebewohl zu sagen, sah sie ihm mit einem seltsamen Blick nach.

War es Trauer oder Schmerz, was in den schönen Augen aufzuckte, oder war es Spott und Bitterkeit, gemischt mit stolzer Resignation?

Jedenfalls presste sie die fein geschwungenen Lippen fest aufeinander, wie in herber Abwehr aller weicheren Gefühle. Die schlanke, jugendschöne Gestalt mit den edel gerundeten Gliedern richtete sich hoch empor. So verließ sie langsam den Saal.

Ihr Gatte hatte inzwischen von seinen Eltern Abschied genommen. An der hohen Glastür, die das Vestibül von den Festräumen trennte, erwartete er sie. Seine hohe, schlanke Gestalt lehnte an einem Pfeiler, und seine Augen sahen düster und geistesabwesend vor sich hin. Er schrak zusammen, als sie plötzlich neben ihm stand. Aber sogleich breitete sich wieder die starre Ruhe über sein festgefügtes, energisches Gesicht. Sein schmaler, ausdrucksvoller Mund presste sich fest zusammen, als müsse er einen herben Schmerz unterdrücken. Und die Zähne bissen sich so fest aufeinander, dass die Muskeln in seinem Gesicht zuckten.

Mit einer tadellosen Verbeugung bot er ihr den Arm.

Von der Seite warf Traude einen Blick in dieses blasse, starre Männergesicht, und der herbe Zug um ihren Mund vertiefte sich noch. Stolzer hob sie das Haupt und kälter wurde der Blick ihrer sonst so gütigen Augen.

Sie legte die Fingerspitzen auf seinen Arm, und Lothar Hochberg führte seine junge Frau zu dem für sie reservierten Zimmer im ersten Stock, wo sie sich umkleiden sollte für die Reise. Ihre Zofe hatte ihre Reisekleider zurechtgelegt und wartete auf sie, um ihr beim Umkleiden behilflich zu sein.

Lothar öffnete die Tür und ließ seine Gattin mit einer artigen – nur zu artigen Verbeugung eintreten.

„Wann kannst du fertig sein, Traude?“, fragte er.

Es zuckte leise um ihren Mund, aber sie sah ruhig zu ihm auf. „In einer halben Stunde“, erwiderte sie mit derselben kühlen Höflichkeit.

„Also werde ich dich in einer halben Stunde unten im Vestibül erwarten.“

Artig fasste er ihre Hand und führte sie an die Lippen. Als er sich aufrichtete, trafen die Augen der beiden jungen Gatten ineinander. Traudes Augen hatten noch den ruhig stolzen Blick, aber in seinen Augen …

Bisher hatte Traude in den Augen ihres Gatten nur immer den kühl höflichen Blick gesehen. Jetzt las sie plötzlich einen Ausdruck darin, der ihre stolze Ruhe erschütterte. Es lag eine stumme Bitte um Verzeihung und ein unsäglicher Schmerz in diesen grauen Männeraugen.

„Wie ein Mensch in tiefster Not“, dachte die junge Frau voll Unruhe. Und die große Güte ihres Wesens weckte ein seltsames Gefühl in ihr – fast war es Mitleid und Erbarmen.

Traude war zweiundzwanzig Jahre alt geworden, ohne dass ihr Herz gesprochen hätte. Dabei fehlte es ihr nicht an Bewerbern, denn sie war nicht nur jung und schön, sondern war auch, als einzige Tochter ihres Vaters, eine der reichsten Erbinnen der Stadt.

Ihr Vater war der Kommerzienrat Falkner, ein mehrfacher Millionär und Vorstandsmitglied verschiedener Aktiengesellschaften. Er hatte seine Tochter bisher ruhig gewähren lassen, wenn sie einen Freier nach dem anderen mit einem Korb abziehen ließ. Denn es war keiner unter ihnen gewesen, den er sich zum Schwiegersohn gewünscht hätte. Traude wusste sehr wohl, dass sie hauptsächlich ihres Geldes wegen umworben wurde. Sie kannte genug vom Leben, um zu wissen, dass die jungen Herren ihrer Kreise zwar ihre Geliebten nach dem Herzen, ihre Frauen aber nach dem Geldbeutel wählten. Verschiedene ihrer Freundinnen waren so verheiratet, wie sie nicht verheiratet sein wollte.

Denn Traude hatte trotz ihres ruhigen Stolzes ein sehr warmes Herz und junges, rasches Blut. Sie hatte ihre Ideale und hoffte lange Zeit, dass ihr einmal ein Glück beschieden werden könne, wie sie es sich erträumte.

Aber die große Liebe, auf die sie Jahr um Jahr in holden Mädchenträumen gewartet hatte, war nicht gekommen.

Und dann hatte ihr Vater ihr eines Tages gesagt: „Lothar Hochberg wird morgen kommen und um deine Hand anhalten. Und ich wünsche, dass du diese Werbung annimmst. Du bist im heiratsfähigen Alter, und Lothar Hochberg ist von allen jungen Herren, die ich kenne, der vornehmste und gediegenste. Du wirst es nicht bereuen, wenn du ihm dein Jawort gibst.“

Die Worte hatten ein seltsames Gefühl ausgelöst in Traudes Herzen. Im ersten Moment wollte sie protestieren, aber dann presste sie ihren Mund zusammen und sah nachdenklich vor sich hin. Und dann erwiderte sie nur: „Lass mich das erst bedenken!“

„Du hast Zeit bis morgen, Traude, aber ich erwarte von dir, dass du vernünftig bist. Einen wertvolleren Menschen wirst du nicht finden als ihn. Ich habe ihn lange geprüft“, hatte ihr Vater erwidert.

Als Traude allein gewesen war, hatte sie sinnend vor sich hingesehen. Lothar Hochberg? Sie kannte ihn seit ihren Kindertagen. Als sie die ersten Wege zur Schule ging, war er ihr schon mit der roten Gymnasiastenmütze begegnet. Sein Vater besaß eine große Fabrik und war mit dem ihren befreundet.

Als sie dann zum Backfisch herangewachsen war, trafen sie oft im Winter auf der Eisbahn zusammen, und seine warmgrauen Augen hatten lachend in die ihren geschaut. Einmal war einer ihrer langen dicken Zöpfe an seinem Jackenknopf hängen geblieben, als sie an ihm vorüberlief. Das hatte weh getan. Er hatte sorgsam den Zopf gelöst und einen Moment wohlgefällig auf der Hand gewogen.

Dann war sie so eilig weitergeeilt, dass sie stürzte. Schnell war er an ihrer Seite gewesen und hatte sie aufgehoben. Danach waren sie in ein Gespräch gekommen und waren zusammen weiter gelaufen. Sie hatten gescherzt und gelacht, und ein klein wenig hatte er ihr den Hof gemacht. Er hatte sie dann sogar nach Hause begleitet.

Traude hatte lange danach immer ein wenig Herzklopfen gehabt, wenn sie an Lothar Hochberg dachte. Aber nach jenem Tag auf der Eisbahn hatten sie einander lange Zeit nicht wiedergesehen.

Traude war bald darauf in eine Pension gekommen, und inzwischen hatte Lothar Hochberg bei der Garde sein Jahr abgedient. Als Traude aus der Pension zurückkam, weilte er schon in London, wo er bei einer befreundeten Firma als Volontär seine Kenntnisse erweiterte. Denn er sollte eines Tages der Nachfolger seines Vaters im Geschäft werden. Er war das einzige Kind seiner Eltern.

Als Lothar Hochberg nach Jahren zurückkam, war Traude inzwischen eine viel umworbene junge Dame geworden. Auf einem Ball waren sie sich zuerst wieder begegnet. Und seltsamerweise hatte Traudes Herz beim Anblick des jungen Mannes rebellisch geklopft.

Aber er schien sehr gemütsruhig zu sein, als er sie artig und höflich begrüßte. Er bat sie auch um einen Tanz, aber sie fühlte, er tat es nur, um der Form zu genügen. Da zwang sie ihr Herz zur Ruhe und wurde kühl und höflich wie er.

Bald darauf hörte sie in einer Damengesellschaft, dass Lothar Hochberg ein Liebesverhältnis mit der Gesellschafterin seiner Mutter habe und dass sie deshalb von seiner Mutter plötzlich entlassen worden sei.

Diese Nachricht hatte ihr einen kleinen Stich versetzt, aber sie hatte den Kopf stolz zurückgeworfen. Natürlich, er war auch wie die anderen alle, er suchte sich eine Geliebte oder auch mehrere, wie es die anderen jungen Herren taten. Und wenn er dann eines Tages eine Frau heimführen wollte, dann sah er sich, wie alle anderen, mit kühler, kritischer Gelassenheit nach einer entsprechenden Partie um, die zahlenmäßig zu ihm passte.

Dabei kam es nur auf das Ergebnis des Rechenexempels an – auf nichts weiter!

Von diesem Tag an war Traude Falkner noch viel stolzer und abweisender geworden.

Dann war ein Gerücht zu ihr gedrungen, dass die Firma Hochberg und Sohn mit geschäftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen habe, und schließlich sprach man auch von enormen Verlusten, die vollends den Ruin der Firma in greifbare Nähe rückten.

Am Tag darauf sagte ihr dann ihr Vater, dass Lothar Hochberg um ihre Hand anhalten würde.

Voll tiefer Bitterkeit hatte sie gedacht:

Jetzt braucht er eine reiche Frau, jetzt...