Das Fundament der Ewigkeit - Historischer Roman

von: Ken Follett

Bastei Lübbe AG, 2017

ISBN: 9783732542826 , 1162 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: frei

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Preis: 25,99 EUR

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Das Fundament der Ewigkeit - Historischer Roman


 

 


Als Ned Willard nach Kingsbridge heimkehrte, wütete ein Schneesturm.

Im Hafen von Combe schiffte er sich auf einem langsamen Frachtkahn ein, der Tuch aus Antwerpen und Wein aus Bordeaux geladen hatte, und fuhr in dessen Kajüte flussaufwärts. Als das Schiff sich endlich Kingsbridge näherte, zog er seinen französischen Umhang straffer um die Schultern, warf sich die Kapuze über, ging an Deck und ließ den Blick schweifen.

Zuerst war er enttäuscht, denn er sah nichts als dichtes Schneegestöber, wo ihn doch ein beinahe schmerzliches Verlangen erfüllte, Kingsbridge wiederzusehen. Deshalb blickte er angestrengt und voller Hoffnung in die wirbelnden Flocken. Nachdem er eine Zeit lang in das blendende Weiß gestarrt hatte, wurde ihm sein Wunsch erfüllt: Der Schneesturm ließ nach, und mit einem Mal erschien ein Fleck blauen Himmels.

Ned blickte über die Wipfel der Bäume am Ufer hinweg und entdeckte den Turm der Kathedrale – vierhundertundfünf Fuß hoch, wie in Kingsbridge jedes Schulkind wusste. Der steinerne Engel, der von der Turmspitze aus über die Stadt wachte, trug an diesem Tag eine Decke aus Schnee über den ausgebreiteten Flügeln; sie ließ die sonst taubengrauen Federspitzen in strahlendem Weiß leuchten. Noch während Ned schaute, traf ein Sonnenstrahl die Engelsstatue, und der Schnee erstrahlte wie ein Heiligenschein. Dann zog der weiße Vorhang sich wieder zu, und der Engel verschwand aus Neds Blick.

Längere Zeit sah er nur die Bäume am Ufer, grau und geisterhaft im Schneegestöber. Doch sein Inneres war jetzt, da er Kingsbridge vor sich wusste, voller Bilder. Bald würde er wieder bei seiner Mutter sein – nach einem Jahr in der Ferne. Wie schmerzlich er sie vermisst hatte, würde er ihr indes verschweigen; als Mann von achtzehn Jahren musste er auf eigenen Beinen stehen.

Am meisten hatte ihm ohnehin Margery gefehlt. Ned hatte sich zum unpassendsten Zeitpunkt in sie verliebt – wenige Wochen vor seiner Abreise nach Calais, dem Hafen an der Nordküste Frankreichs, der gleichwohl zu England gehörte. Ned kannte die ungestüme, eigenwillige Tochter von Sir Reginald Fitzgerald seit ihrer Kindheit. Inzwischen war Margerys jungenhafte Ausgelassenheit ausgesprochen weiblichen Reizen gewichen, und Ned hatte sich dabei ertappt, wie er sie in der Kirche anstarrte, mit großen Augen und trockenem Mund. Doch er hatte gezaudert, mehr zu tun, als sie mit Blicken zu verschlingen, zumal sie drei Jahre jünger war als er.

Margery hingegen kannte keine solchen Hemmungen. Den ersten Kuss gab sie Ned auf dem Friedhof von Kingsbridge, im Schutz des wuchtigen Mausoleums von Prior Philip – jenem Mönch, der vierhundert Jahre zuvor die Kathedrale hatte erbauen lassen. An Margerys leidenschaftlichem Kuss war nichts Kindliches; umso schmerzlicher war es für Ned, als sie sich von ihm löste und lachend davonrannte. Doch schon am nächsten Tag küsste sie ihn erneut. Und am Abend vor seiner Abreise nach Frankreich gestanden sie einander ihre Liebe.

In den ersten Wochen schrieben sie sich leidenschaftliche Botschaften, konnten dabei aber nicht offen in Briefwechsel treten: Beide hatten ihren Eltern nichts von den Gefühlen erzählt, die sie füreinander hegten; es war ihnen zu früh erschienen. Stattdessen vertraute Ned sich seinem älteren Bruder Barney an, der ihr Mittelsmann wurde – bis auch Barney Kingsbridge verließ und nach Sevilla ging. Zwar hatte auch Margery einen älteren Bruder namens Rollo, aber sie vertraute ihm nicht so sehr, wie Ned Barney vertraute. So war der Briefwechsel versiegt.

Für Ned änderte es wenig, von nun an auf Margerys Briefe verzichten zu müssen, zumindest nicht, was seine Gefühle für sie anging. Er wusste, was die Leute über junge Liebe erzählten, und beobachtete sich selbst in der Erwartung, dass seine Liebe zu Margery ersterben würde. Aber das geschah nicht. Deshalb geriet Ned kaum in Versuchung, als ihm nach ein paar Wochen in Calais seine Cousine Thérèse offen zu erkennen gab, dass sie ihn mochte und fast alles zu tun bereit war, was ihm gefiel. Ned staunte über sich selbst, hatte er sich zuvor doch nie eine Gelegenheit entgehen lassen, ein schönes Mädchen mit hübschen Brüsten zu küssen.

Allerdings machte ihm nun etwas anderes zu schaffen. Auch wenn er sicher war, dass sich während seines Aufenthalts in Calais nichts an seinen Gefühlen für Margery geändert hatte, stellte er sich die bange Frage, was er empfinden würde, wenn er sie wiedersah. War Margery in Fleisch und Blut genauso bezaubernd wie ihr Bild in seiner Erinnerung? Würde seine Liebe ihr Wiedersehen überstehen?

Und wie war es um Margerys Gefühle bestellt? Für eine Vierzehnjährige war ein Jahr eine lange Zeit. Sicher, inzwischen war sie fünfzehn, aber das würde keinen großen Unterschied machen. War Margerys Liebe erloschen, als ihr Briefwechsel geendet hatte? Hatte sie vielleicht schon einen anderen hinter Prior Philips Mausoleum geküsst? Ned wäre bitter enttäuscht, sollte er Margery in der Zeit seiner Abwesenheit tatsächlich so gleichgültig geworden sein. Doch selbst wenn sie ihn noch liebte – konnte er nach dem langen Jahr in der Fremde mit dem strahlenden Bild in Margerys Erinnerung mithalten?

Neds Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück, als der Schneesturm erneut abflaute. Erst jetzt bemerkte er, dass der Frachtkahn durch die westlichen Vororte von Kingsbridge fuhr. An beiden Ufern reihten sich Werkstätten, die sich hier am Fluss angesiedelt hatten, da sie viel Wasser brauchten: Färber, Tuchwalker, Papiermacher, Schlachter – allesamt Handwerksbetriebe, die üble Gerüche verbreiteten; deshalb gab es in diesem Teil der Stadt keinen Mangel an günstigen Wohnungen.

Vor Neds Blicken schälte sich nun Leper Island aus dem wirbelnden Weiß. Doch der Name der Insel war nur noch eine ferne und schreckliche Erinnerung: In Kingsbridge hatte es seit Jahrhunderten keinen Fall von Lepra mehr gegeben. Bald darauf erhob sich Caris’ Hospital vor Neds Augen, ein Krankenhaus im Ostteil der Insel, gegründet von Caris Wooler, jener Nonne, die in der Zeit des Schwarzen Todes die Stadt gerettet hatte.

Als der Frachtkahn an der Insel vorüberglitt, erblickte Ned hinter Caris’ Hospital den anmutigen Doppelbogen von Merthins Brücke, die beide Flussufer im Norden und Süden mit der Insel verband. Die Liebesgeschichte zwischen Caris und Merthin gehörte zu den Legenden von Kingsbridge, die man seit Generationen an winterlichen Kaminfeuern erzählte.

Wenig später schob sich der Frachtkahn an einen der freien Liegeplätze am betriebsamen Uferstreifen zwischen den Lagerhäusern, Anlegestellen und vertäuten Booten. Die Stadt schien sich während des vergangenen Jahres nicht sehr verändert zu haben. Vermutlich, überlegte Ned, weil Orte wie Kingsbridge sich nur langsam wandelten. Kathedralen, Brücken und Hospitäler waren schließlich für die Ewigkeit gebaut.

Ned schob seine Schultertasche zurück, als der Schiffer ihm sein einziges anderes Gepäckstück reichte, eine Holztruhe, in der seine Kleidung, zwei Pistolen und ein paar Bücher verstaut waren. Ned wuchtete sich die Truhe auf die Schulter und ging an Land.

Er wandte sich dem großen Lagerhaus am Kai zu, in dem seine Familie ihre Geschäfte abwickelte, kam aber nur ein paar Schritte weit, bevor er eine vertraute Stimme mit schottischem Akzent hörte: »Wenn das nicht unser Ned ist! Willkommen daheim!«

Ned strahlte übers ganze Gesicht. Die Stimme gehörte Janet Fife, der Haushälterin seiner Mutter. Wie er sich freute, sie zu sehen!

»Lasst mich nur rasch einen Fisch kaufen«, verkündete Janet. »Ihr könnt dann mitessen!« So spindeldürr sie war – Janet liebte es, andere Menschen zu verköstigen. Sie streifte Ned mit einem liebevollen Blick. »Ihr habt Euch verändert. Eure Schultern sind breiter, aber Ihr seid schmaler im Gesicht. Hat Eure Tante Blanche Euch denn nicht anständig gepäppelt?«

»Doch, hat sie. Aber ich musste für Onkel Dick Kies schaufeln.«

»Das ist keine Arbeit für einen Gelehrten.«

»Hat mir nichts ausgemacht.«

»Malcolm!« Janets Blick richtete sich auf einen Mann, der sich ihnen näherte, und sie hob die Stimme. »Sieh nur, Malcolm, wer wieder in der Stadt ist!«

Malcolm war Janets Ehemann und Stallknecht bei den Willards. Er hinkte über den Kai heran. Vor Jahren, als er noch jung und unerfahren war, hatte ihm ein Pferd das Bein zerschmettert. Er tauschte mit Ned einen herzlichen Händedruck, sagte aber statt einer Begrüßung: »Der alte Acorn ist gestorben, das Lieblingspferd von Eurem Bruder.«

Ned unterdrückte ein Lächeln: Es war typisch für Malcolm, von den Tieren zu erzählen, ehe er auf die Menschen zu sprechen kam. »Ist meine Mutter wohlauf?«

»Die Herrin ist gut in Schuss, Gott sei’s gedankt«, antwortete Malcolm. »Und Euer Bruder auch, soweit wir’s wissen – ein großer Schreiber vor dem Herrn ist er ja nicht, und einen Monat oder zwei dauert’s schon, bis ein Brief aus Spanien hier ankommt. Lasst mich Euch mit dem Gepäck helfen, junger Herr!«

Doch Ned wollte nicht gleich nach Hause; er hatte anderes im Sinn. »Trägst du meine Truhe zum Haus?«, bat er Malcolm und fügte eine Lüge an: »Sag Mutter und den anderen, ich gehe in die Kathedrale, um Gott für die sichere Heimkehr zu danken. Ich komme so schnell wie möglich.«

»Gewiss, junger Herr.«

Malcolm hinkte davon, während Ned sich auf den Weg ins Stadtinnere machte, wobei er sich am vertrauten Anblick der Gebäude erfreute, zwischen denen er aufgewachsen war. Noch immer rieselte Schnee auf Kingsbridge. Die Dächer strahlten in reinem Weiß, doch auf den...